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Hamburg blind erleben: Eine Stadt für alle Sinne

Ich liebe Hamburg, weil ich überall schnell am Wasser oder im Grünen bin und weil die Stadt nicht nur etwas fürs Auge, sondern auch Allerhand für Ohr, Hand und Nase bietet.

Ein Ausflug zum Hafen und an die Elbe bedeutet für mich Urlaub. Ich starte von den Landungsbrücken. Sobald ich den U- und S-Bahnhof verlasse höre ich das Schreien der Möwen, ein Akkordeon spielt Seemannslieder, Hafenrundfahrten werden ausgerufen. 

Eine Rundfahrt über Elbe und Alster sollte zum Hamburg-Besuch dazu gehören, erfährt man hierbei doch Allerlei über die Stadt. Für Geschichtsinteressierte sind alternative Hafenrundfahrten spannend, die sich zum Beispiel mit der Zeit des Kolonialismus befassen.  

Ich fahre mit der Hafenfähre 62 auf der Elbe. Sie gehört zum Streckennetz des Hamburger Verkehrsverbundes. Blinde Menschen mit deutschem Schwerbehindertenausweis und ihre Begleiter fahren hier kostenfrei. An Deck genieße ich den Fahrtwind. Ich fahre bis zum Museumshafen (Haltestelle: Neumühlen) - ein idealer Start für einen Elbspaziergang, der Fluss fließt links an mir vorbei. zu Beginn ist der Weg recht voll, später wird die Strecke immer ruhiger. Autos fahren hier nicht. Als blinder Fußgänger kann man sich kaum verlaufen. Meine Frau und ich biegen in Teufelsbrück gern ab in den wunderschönen, weitläufigen Jenischpark. Unser Weg führt uns bis zum botanischen Garten in Klein Flottbek, in dem Pflanzen aus aller Welt gedeihen. Hier werden auch Führungen für blinde und sehbehinderte Menschen angeboten. Daneben gibt es einen Duft- und Tastgarten.

Etwas ganz Besonderes ist die Atmosphäre in der Speicherstadt. In den alten Gebäuden gibt es Einiges zu entdecken, unter anderem Spicy’s Gewürzmuseum. Die gezeigten Gewürze können alle angefasst, gerochen und probiert werden. Man kann vom Anbau bis zum Fertigprodukt den gesamten Bearbeitungsprozess anhand von antiken Geräten und Maschinen verfolgen. 

Ebenfalls in der Speicherstadt befindet sich der Dialog im Dunkeln. Ich finde es spannend, wie professionell das Konzept durch die blinden Guides umgesetzt wird. Und für sehende Freunde und Verwandte ist die Ausstellung in absoluter Dunkelheit ohnehin ein Muss.

Nicht weit von hier entsteht Hamburgs neuer Stadtteil, die Hafencity. Hinsichtlich der Barrierefreiheit gab es hier einige Startschwierigkeiten. Inzwischen wird aber nachgebessert. Ein Spaziergang in sehender Begleitung lohnt sich allemal.

In der Hauptkirche St. Michaelis werden Führungen für blinde und sehbehinderte Besucher angeboten. Die Kirchenführer ermöglichen den Besuchern, den Michel an vielen Stellen mit den Händen zu erfassen. Sie vermitteln ein Raumgefühl für die hohe und weite Kirche und machen Kanzel und Altar vor dem inneren Auge sichtbar. 

Beeindruckend wirkt der Michel auch auf dem Tastmodell der Hamburger Innenstadt. Hierbei handelt es sich um eine maßstabsgetreue Darstellung aus Bronze. Das Modell ist 2,65 mal 1,60 Meter groß. Straßen und Gebäude sind mit Blinden- und Schwarzschrift gekennzeichnet. Die Form der Gebäude, ihre Lage zueinander, der Verlauf von Straßen und Wasserwegen kann erfühlt werden. Das Modell befindet sich neben dem Rathaus vor dem Bucerius Kunst Forum.

 

Und was bietet Hamburg am Abend?

Musikalischen Genuss auf höchstem Niveau versprechen die Konzerte des NDR Sinfonieorchesters oder der Philharmoniker Hamburg in der Laeiszhalle. Hier befindet sich im Souterrain auch das Klingende Museum. In dem Museum gibt es keine Schilder »Berühren verboten«. Das Anfassen der Instrumente ist ausdrücklich erlaubt. 

Und ganz wunderbar ist die Vielfalt an Locations mit Rock-, Pop-, Indie- und Folk-Konzerten in unserer Stadt – sei es das Uebel & Gefährlich im ehemaligen Bunker an der Feldstraße oder die kleine Prinzenbar auf dem Kiez, um nur zwei Beispiele zu nennen. Gute Musik gibt es beinahe jeden Abend.

Hamburg ist eine Theaterstadt. Seit 2013 fördert die Kulturbehörde Audiodeskription an Theatern. Sprich: Bei einzelnen Vorführungen können blinde und sehbehinderte Besucher eine Bildbeschreibung via Kopfhörer abrufen. Sobald neue Termine feststehen, informiert der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg auf seiner Website hierüber.

Oder man lässt den Abend kulinarisch ausklingen. Klassisch hanseatisch mit einem Labskaus im Old Commercial Room am Michel. Wunderschön finde ich auch die Atmosphäre im Portugiesenviertel. Im Sommer werden Tische und Bänke nach draußen gestellt. Das bunte Treiben auf den Straßen vermittelt dann mediterranes Urlaubsflair. Aber auch im Winter ist die quirlige Atmosphäre in den vielen Restaurants toll. Gegrillter frischer Fisch, Paella, Tapas oder einfach nur ein Galao - hier kann man den Tag in Hamburg ausklingen lassen, nahe an den Landungsbrücken, nahe am Hafen, der nie schläft.

Steckbrief

Autor: Heiko Kunert

Alter: 38; lebt seit 1990 in Hamburg

Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und selbst blind.

Er bloggt auf blindpr.com über Inklusion, Barrierefreiheit und den Alltag als blinder Mensch.

In seiner Freizeit spielt er Theater, liebt Spaziergänge in Hamburg und Ausflüge ans Meer.