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Eine Stadt für Alle: Hamburg mit dem Rollstuhl erobern

Ich liebe Hamburg, weil hier das Fernweh nah ist, es auch bei Regen immer dahinten schon heller wird.

Sommer in der Stadt. Sommer in Hamburg, ich liebe die beschwingte Stimmung an Alster und Elbe und das Gefühl, wie eine Touristin in der eigenen Stadt auf Entdeckungsreise zu gehen. Mit meiner Sonntagsbesucherin macht das besonders viel Spaß. Ein guter Start ist das Miniatur Wunderland, da können viele Ausflugsziele schon mal im Detail betrachtet werden. Allerdings ist an gut besuchten Tagen für Rollstuhlfahrer eine ungehinderte Sicht auf die Anlage kaum möglich. Darum bietet das Miniatur Wunderland circa alle 4 – 8 Wochen Exklusivöffnungen nur für Rollstuhlfahrer und schwerstbehinderte Menschen an. Ab 18:00 Uhr haben Rollstuhlfahrer dann einen freien Blick auf die Anlage von Skandinavien bis Amerika.

Ganz in der Nähe bietet das HafenCity InfoCenter im ehemaligen Kesselhaus der Speicherstadt alle wichtigen Informationen über das bedeutendste Stadtentwicklungsprojekt Hamburgs. Hier kann man verfolgen, wie Hamburgs neues Stadtviertel Stück für Stück Realität wird. Und es gibt einen Aufzug, der auch für E-Rollstühle groß genug ist. 

Das Kopfsteinpflaster in der historischen Speicherstadt und die Steigungen der Fußgängerbrücken sind mit dem Rollstuhl eine Herausforderung. Gut wäre ein Plan durch das Viertel, in dem die leicht befahrbaren Wege markiert sind. In der HafenCity sind die Wege eben und über Rampen auch die schönen Plätze, Terrassen und Promenaden entlang der Elbe zu erreichen. Wir könnten den ganzen Tag durch das Quartier stromern, die Baufortschritte der Elbphilharmonie anschauen, Am Kaiserkai historische Schiffe bewundern oder im Cruise Center gucken, ob ein Kreuzfahrtschiff festgemacht hat.

Rund um das Internationale Maritime Museum und das Automuseum Prototyp gibt es mehrere barrierefrei zugängliche Cafés und Restaurants. Aber mein Besuch möchte nun unbedingt unter die Elbe! Der Eingang zum alten St. Pauli Elbtunnel mit dem kupfergedeckten Kuppeldach ist an den Landungsbrücken leicht zu finden. Mit dem Aufzug geht es in die Röhre hinunter und nach knapp einem halben Kilometer entspannter Fahrt auf gutem Bodenbelag auf der anderen Elbseite wieder hinauf. Hier gibt es eine barrierefreie Aussichtsplattform und der Blick über den Hamburger Hafen ist einfach toll.

Nun sind wir schon einmal auf der südlichen Elbseite und da ist es nicht weit zu einem weiteren Lieblingsplatz: Dem Café vju im Energiebunker Wilhelmsburg. Der Bunker ist denkmalgeschützt und wurde für die Internationale Bauausstellung saniert und zum regenerativen Kraftwerk ausgebaut. In 30 Meter Höhe befindet sich das Café mit eigener Kaffeerösterei und eindrucksvollem Weitblick über die Stadt.

Noch höher hinaus? Meine Besucherin will es nicht glauben, aber wir können mit dem Rollstuhl in einem gläsernen Fahrstuhl auf die in 76 Meter Höhe gelegene Plattform der Nicolaikirche fahren. Zuerst einmal gucken wir auf der App des HVV nach einer barrierefreien Verbindung von Wilhelmsburg zurück in die Innenstadt. Mit den Buslinien ist das kein Problem, es sind ausschließlich Niederflurbusse mit Rampen im Einsatz. Die U- und S-Bahnstationen sind noch nicht alle barrierefrei ausgebaut, aber über die Suchfunktion der App können wir uns gut orientieren. Mit Bus und S-Bahn erreichen wir das Mahnmal St. Nicolai. Es wird gerade saniert und der höchste Kirchturm der Stadt ist leider eingerüstet, der Besuch lohnt trotz Sichteinschränkung.

Danach wollen wir ins Bucerius Kunst Forum und die aktuelle Ausstellung besuchen. Es gibt eine Rollstuhltoilette, der Aufzug ist allerdings ziemlich klein. Mit dem Zertifizierungssystem „Reisen für Alle“ werden ja bald die Angaben zur Barrierefreiheit mit den Maßen ergänzt, dann fällt die Orientierung leichter. Beim Hängen der Bilder ist an unsere Perspektive aus dem Sitzen gedacht worden und das macht uns gute Laune. Wohin nun? 

Im Schanzenviertel bietet die Initiative „Schanze erfahren“ Rollstuhlfahrern mit persönlichen Tourguides spannende Streifzüge durch ungewöhnliche Ecken, Hinterhöfe und die vielen kleinen Läden in diesem bunten Stadtteil. Die Bullerei, das Restaurant von Fernsehkoch Tim Mälzer ist hier beheimatet und schwellenlos zugänglich. Wenn man den Weg kennt, denn von einer Seite des Gebäudes kommend gibt es Treppen. Das könnte besser ausgeschildert werden. Im Schanzenpark gibt es im Sommer Open Air Kino, auch ein guter Tipp für Rolli-Fahrer.

Nach so viel Stadt jetzt ins Grüne? Da haben wir es nicht weit. In Planten un Blomen legen wir auf einer Liegewiese eine Pause ein. Gut zu wissen: Im nördlichen und südlichen Bereich des Parks gibt es je ein barrierefreies WC. 

Thalia Theater, Schauspielhaus oder Kampnagel für das Abendprogramm? Alle sind barrierefrei zu erreichen. Auf Kampnagel bin ich besonders gern, weil rollstuhlnutzende Besucher dort nicht außen am Rand Platz nehmen, sondern ein Sitz in der ersten Reihe herausgenommen wird. Das ist toll, so können auch mehrere Rollstuhlfahrer nebeneinander sitzen und sind nah dran am Bühnengeschehen. Bei den vielen Tanz- und Theaterfestivals im Programm unbedingt rechtzeitig buchen! 

Mehr passt in den Tag nun wirklich nicht hinein. Für die Entspannung empfehle ich am nächsten Morgen ein Bad in der neuen Schwimmhalle Inselpark in Wilhelmsburg. Alles ist barrierefrei zugänglich und mit einem mobilen Lifter sind die Becken prima zu erreichen. Gute Idee, meint meine Besucherin und möchte danach in die gerade sanierte Deichtorhalle für zeitgenössische Kunst und von dort ist es doch nicht weit zum Hafen? Mir scheint, da hat das barrierefreie Hamburg einen Fan hinzugewonnen!

Steckbrief

Autorin: Kerstin Hagemann

Alter: 56 Jahre

Geschäftsführerin der Patienten-Initiative e.V. - www.patienteninitiative.de 

In Hamburg geboren, wohnt in Alsterdorf

Interessen: Kultur, Engagement für Barrierefreiheit