Das späte Coming-out eines Sadisten

Foto: Kerstin Ahlrichs

Karen Duve stellt Ihren neuen Roman „Macht“ im Literaturhaus vor und das Publikum genießt die Darstellung des abgründigen Protagonisten.

Es ist ziemlich verrückt – in Karen Duves Zukunftsroman geht es um einen Mann, der seine Frau im Keller hält, und um eine Welt, die in wenigen Jahren untergeht – und man verschlingt trotzdem jedes Wort.

Die gebürtige Hamburgerin begann vor vielen Jahren mit den Recherchen für diesen Roman. Die Beschäftigung mit den Umweltveränderungen, die auf uns zukommen werden, führte dazu, dass sie zunächst das Sachbuch Warum die Sache schiefgeht schrieb. Denn wer würde die Horrorszenarien ernst nehmen, wenn sie in einem fiktionalen Text stehen? Als Sie das getan hatte, begann Sie „entspannt“ den Roman zu schreiben. Dieser spielt im Jahr 2031, es regiert der Staatsfeminismus, im April hat es über 35 °C und man muss sich in Acht nehmen vor den Rapskäfern, die in den Feldern wimmeln. In dieser Welt lebt Sebastian Bürger als alleinerziehender Vater bei Hamburg. Früher war er politisch aktiv, bekennender Feminist und moralisch integer – nun nennt er seine Kinder hässlich und hat seine Frau im Keller eingesperrt. Dort besucht er sie jeden Tag, sie sind sich nach wie vor nahe, nur muss sie ihn nun „Gebieter“ nennen.

Aber diese Geschichte hat nichts mit sensationsgeilen SM-Romanen zu tun. Nein, es geht um die Frage, warum sich der Protagonist so verändert hat und warum er in Anbetracht des nahenden Weltuntergangs die verbleibende Zeit für seinen spät entdeckten Sadismus nutzt. Dementsprechend wird der Charakter auf keinen Fall eindimensional gezeigt. Bürger rechtfertigt sich immer wieder für sein Verhalten – dabei scheint er manchmal selbst von seinen Gründen überzeugt zu sein.

Das Ende naht - echt jetzt?

Im ausverkauften Literaturhaus herrscht gespannte Stille, als Duve liest. In der anschließenden Diskussion wird es lebhaft im Saal. Gemeinsam versuchen wir, den Gedankengängen der Hauptfigur zu folgen. War er schon immer so? Will er sich an allen Frauen rächen oder nur an seiner eigenen? Hätten die Frauen, wenn sie eher an die Macht gekommen wären, die Welt noch retten können? Diese Fragen sind natürlich auch deswegen brisant, weil sie sich nicht nur auf eine fiktionale Welt beziehen. Dass Karen Duve für die Frauenquote ist und auch in vergangenen Büchern zu einem achtsamen Umgang mit Ressourcen und Lebewesen aufgefordert hat, sollte inzwischen klar. Aber sie erzählt an diesem Abend auch von ihrer Verdrossenheit, mit stets höflichen Worten Menschen wachrütteln zu wollen – was soll das schon bringen. Wunderbarerweise kann dort Thomas Böhm – der hervorragende Moderator der Lesung – einbringen, dass beim Berliner Literaturfestival mehr als die Hälfte der Teilnehmer Vegetarier waren und sich dabei auf Duves Buch „Anständig essen“ beriefen. Vielleicht brauchen wir einfach noch mehr Karen Duves für eine bessere Welt.

Mit dieser Veranstaltung wurde wieder mal deutlich, dass das Literaturhaus immer eine Reise wert ist. Eine weitere Möglichkeit, die Autorin in Hamburg live lesen zu hören, ist am 19. April im Nochtspeicher. Sie sollten sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Pauline (Kulturredaktion)

Autor des Artikels: Pauline (Kulturredaktion)

Pauline (29) heißt im echten Leben Katharina Scheuermann und ist vor zwei Jahren aus der fränkischen Provinz nach Hamburg gezogen. Sie arbeitet als Texterin und pflegt ein eigenes kleines Modelabel. Pauline mag klassische Musik, modernes Theater, trauriges Kino, abgedrehten Humor und die kleinen Haubentaucher in der Alster. Als rasende Reporterin ist sie immer auf der Suche nach neuen Formen von Kunst und Kultur.

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