Der Blick in die Abgründe

Foto: Ken Schles

In den Deichtorhallen zeigen drei amerikanische Künstler ein Großstadt-Bild jenseits von Glanz und Glamour. Noch bis 07. August.

Fotografien von Großstädten bedienen oft die Sehnsüchte der Menschen: Luxus, Exzess, Glamour, Bewegung. Die drei Fotografen Ken Schles, Jeffrey Silverthorne und Miron Zownir wählen einen anderen Blickwinkel. Die Ausgestoßenen, die brutalen Widersprüche, die Verwahrlosung oder die Einsamkeit. Auch diese Elemente prägen die Metropole in aller Welt – nur abgebildet werden sie selten.

Läuft man im Uhrzeigersinn durch die Ausstellung, so beginnt man bei den Arbeiten von Jeffrey Silverthorne. Tod und Nacktheit sind die wiederkehrenden Themen seiner Bilder. Durch Doppelbelichtungen stellt er grotesk-abgründige Beziehungen zwischen Leben und Tod her. Leichen nach einer Autopsie werden mit Lebendigen verbunden. Zwitterwesen aus Mutter und Vater lässt er entstehen oder er zeigt seine ganz eigene Interpretation griechischer Mythen - mit Perversion, Gewalt und Maskierung. Am krassesten sind sicherlich die Bilder aus Leichenschauhäusern – tote Babys oder Opfer von Gewaltverbrechen. Ob man sich das überhaupt anschauen sollte, daran scheiden sich die Geister.

Von den dunklen Seiten der Städte und den Schattenseiten des Lebens

Ken Schles ist nach meinem Geschmack der Ästhetischste von den Dreien. Die Bilderserien aus dem New Yorker Nachtleben sind dynamisch, oft etwas unscharf und haben wundervolle Bildaufbauten. Alkohol, Drogen, Prostitution, Exzess – seine Bilder beschönigen nicht, lenken aber den Blick auf einzelne Individuen. Empfehlenswert ist es, sich mit dem Audioguide auszustatten. Damit hört man, dass der Künstler nach vielen Jahren zu seiner alten New Yorker Wohnung in der Lower East Side zurückkehrte. Das Haus war unbewohnt, aber sein Name stand noch an der Tür. Manchmal wächst auch in der Großstadt das Gras langsamer als man denkt.

Blickt man durch Miron Zownirs Bilder auf die Welt, kann man sich teilweise nur ekeln. Mit einfachen Mitteln stellt er die Absurdität der riesigen Schere zwischen Arm und Reich dar. Auch Polizeigewalt spielt eine Rolle. Ich lese seine Bilder als Spiegel der Gesellschaft, aber nicht von ihrer besten Seite. Zownir fotografiert in Berlin, New York, London und Moskau – durch seine Bilder wirkt er wie ein Anwalt für die Außenseiter. Da wo es wehtut, hält er seine Kamera darauf, mit einer drastischen Bildersprache.

Die Ausstellung ist für Jugendliche unter 16 Jahren nur in Begleitung von Erwachsenen freigegeben. Wenn man die Altersbeschränkung liest, erwartet man vielleicht noch krassere Sex & Crime-Storys. Aber diese Art von Voyerismus wird hier nicht bedient. Viel subtiler und feinsinniger sind die gewählten Sujets.

Schauen Sie selbst. Noch bis 07. August sind die Arbeiten von Schles, Silverthorne und Zownir in den Deichtorhallen zu sehen.

Pauline (Kulturredaktion)

Autor des Artikels: Pauline (Kulturredaktion)

Pauline (29) heißt im echten Leben Katharina Scheuermann und ist vor zwei Jahren aus der fränkischen Provinz nach Hamburg gezogen. Sie arbeitet als Texterin und pflegt ein eigenes kleines Modelabel. Pauline mag klassische Musik, modernes Theater, trauriges Kino, abgedrehten Humor und die kleinen Haubentaucher in der Alster. Als rasende Reporterin ist sie immer auf der Suche nach neuen Formen von Kunst und Kultur.

Verwandte Artikel

Ihre Ergebnisliste wird geladen...
Bitte haben Sie einen Moment Geduld.

Ihr Hamburg Tourismus Team