Dickes Gehalt und ein paar Frauen - Unterwerfung

Foto: Klaus Lefebvre

Die bereits im Vorfeld viel beachtete Inszenierung von Houellebecqs „Unterwerfung“ feiert am Schauspielhaus eine fulminante Premiere und übt Kritik – an der westlichen Gediegenheit.

Houellebecqs Roman zeichnet ein Szenarium, in dem Frankreich im Jahr 2022 zu einer islamischen Republik wird. Brisant sind dabei jedoch nicht die neu geschaffenen Regeln des Gottesstaates, sondern die egomane, gleichgültige französische Gesellschaft. In Karin Beiers Inszenierung kommt dies durch die Ein-Mann-Show und ein reduziertes Bühnenbild Stück für Stück zum Vorschein. Zu Beginn ist eine Identifikation mit dem alternden, freudlosen Literaturprofessor François problemlos möglich. Er beklagt sich vor allem über seine körperlichen Wehwehchen und schwadroniert über seine kurzlebigen Liebesbeziehungen zu seinen Studentinnen. Währenddessen ändern sich die gesellschaftlichen Umstände langsam. Um den Erfolg des Front National zu verhindern, kooperieren die Sozialisten mit der islamischen Partei des charismatischen Ben Abbès. Die Muslime kommen an die Macht und die daraufhin einsetzenden Umwälzungen werden einigermaßen teilnahmslos hingenommen. Obwohl viele Menschen – darunter auch François – ihre Anstellung verlieren. Auch bürgerkriegsähnliche Zustände scheinen die Gesellschaft nur geringfügig aus ihrer Apathie zu wecken.

An François erlebt man dann peu à peu, wie er von Ablehnung über Neugier zu Akzeptanz des neuen Systems findet. Seine Sehnsucht nach Sinn und Bedeutung spielen dabei eine Rolle, jedoch sind es vor allem die stabilen Strukturen und finanziellen Sicherheiten, die ihn schleichend zum Anhänger machen. Denn wenn er zum Islam konvertiere, würde er seinen Job an der Universität wiederbekommen. Damit einher gingen dann ein üppiges Gehalt und eine schicke Wohnung. Am Gehalt orientiere sich auch die Anzahl der Frauen, die er dann „bekommt“. Bei seinem Status wären es wohl an die drei Frauen. Zum Schluss findet François diese Vorstellungen sehr angenehm, denn seine Einsamkeit und Leere könnten dann ein Ende haben.

Die „primitiven“ Bedürfnisse eines Intellektuellen

So bedrohlich die Vorstellung einer Gesellschaft, in der Frauen ihre Rechte verlieren und die Bildung von großzügigen Finanzspritzen arabischer Scheichs abhängt, auch ist – das Erschreckende ist der selbstmitleidige, gesättigte Bürger, der dies hinnimmt.

Beiers Inszenierung von „Unterwerfung“ lebt von der ausdrucksstarken Darstellung des einzigen Schauspielers auf der Bühne. Edgar Selge mimt den Literaturprofessor mit einem süffisanten und lebensverdrossenen Charakter so, dass man ihn zum Ende der Inszenierung buchstäblich verabscheut. Gleichzeitig ist die schleichende Verwandlung nachvollziehbar und in ihrer feingliedrigen Entwicklung besonders unterschwellig skizziert. Dass die Romanvorlage seit ihrer Erscheinung für starke Emotionen gesorgt hat, finde ich anhand dieser Inszenierung schwierig nachzuvollziehen. Sie stellt die Behäbigkeit des westlichen Bürgers und Intellektuellen bloß. Dass dies das Thema des Romans ist, wird auch dadurch deutlich, dass Houellebecq für seinen Protagonisten zunächst eine Konversion zum Katholizismus vorgesehen hatte.

Die nächsten Vorstellungen im Schauspielhaus finden am 10., 16., 17. Februar und 03., 12., 16., 26. März statt. Hier finden Sie weitere Informationen.

Pauline (Kulturredaktion)

Autor des Artikels: Pauline (Kulturredaktion)

Pauline (29) heißt im echten Leben Katharina Scheuermann und ist vor zwei Jahren aus der fränkischen Provinz nach Hamburg gezogen. Sie arbeitet als Texterin und pflegt ein eigenes kleines Modelabel. Pauline mag klassische Musik, modernes Theater, trauriges Kino, abgedrehten Humor und die kleinen Haubentaucher in der Alster. Als rasende Reporterin ist sie immer auf der Suche nach neuen Formen von Kunst und Kultur.

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