Die Welt unter einem Dach

Foto: Paul Schimweg

Museumsexpeditionen Teil 1: Das Museum für Völkerkunde
Mehr als 60 Museen gibt es in Hamburg, viele von ihnen sind noch unbekanntes Terrain für mich. Zeit eine kleine Expedition durch die Hamburger Museumslandschaft zu starten. Sie beginnt in der Rothenbaumchausee 64. Das Museum für Völkerkunde ist ein riesiges, Ehrfurcht einflößendes Gebäude, das trotzdem einladend wirkt. Architektonisch dem späten Jugendstil zuzuordnen wird innen und außen allerlei zu einem verspielt harmonischem Gesamtbild zusammengewürfelt. Da ist es äußerst passend, dass unter seinem Dach verschiedene Kulturen Platz haben. Das Ziel des Museum für Völkerkunde ist die Errichtung und Bewahrung eines Weltkulturarchivs, das aus repräsentativen Zeugnissen der Kulturgeschichte aller Völker der Erde besteht. Systematisch werden seit der Geburtststunde des Museums im Jahr 1868 Sammlungen angelegt. In wechselnden Ausstellungen sind diese der Öffentlichkeit zugänglich.
Wenn man genug Zeit hat, kann man hier an einem Nachmittag eine Weltreise unternehmen. Von Schweden, bis in die Anden, über Afrika, nach Bali und Samoa.
Ich beginne bei den Indiandern Nordamerikas. Auf Baumstümpfen sitzend sehe ich in ein kleines künstliches Feuer und lausche einer alten Legende, wie die Welt auf einem Schildkrötenpanzer entstand. Ich staune über die Kunstfertigkeit indianischer Perlenstickerei und Federschmuckes und gehe weiter in den nächsten, lichtdurchfluteten Raum. Er ist beseelt von indischen Göttern. Ich sehe die Weltenschlange Naga, den zweigeschlechtlichen Shiva, Krishnas Schaukel, Rama, den Helden. Zornige, heldenhafte, verliebte, sanfte, schreckliche Götter und Göttinnen aus Stein, edlen Hölzern und Bronze. Ich bekomme Lust, mich auch nach dem Museumsbesuch weiter mit ihren Geschichten und dem Geflecht ihrer Beziehungen auseinanderzusetzen.
Aus dem Götterhimmel Indiens lande ich schließlich in einer kleinen Sonderausstellung über die Tscherkessen, ein Volk, das sein Heimatgebiet im Nordwest-Kaukasus am Schwarzen Meer hat. Bereits früher sagte man den Tscherkessen Rechtschaffenheit, Strenge, Ritterlichkeit und Bescheidenheit nach. Reisende berichteten bereits im 18. Jahrhundert nicht nur von der großen Schönheit tscherkessischer Frauen, sondern auch von deren Stolz und Selbstbestimmtheit.
Heute sind die Tscherkessen in alle Welt zerstreut. Ausgerechnet Sotschi, der Schauplatz der diesjährigen olympischen Winterspiele, markiert mit der Schlacht im Jahr 1964 einen schmerzlichen Punkt in der tscherkessischen Geschichte. Kritische Stimmen bemängeln, dass während der Spiele keine einzige Gedenktafel in Sotschi an Völkermord und Vertreibung des Volksstammes erinnert. Ich vertiefe mich in Texte und Filme. Die Zeit verfliegt und so kann ich die weiteren spannenden Welten im Museum nur noch im Schnelldurchlauf durchqueren.
Bei den Maya lasse ich mir durch ein Orakel eine Prognose zu meinem Geburtstag stellen. Ein Kind, das am 19. Dezember Geburtstag hat eignet sich zum Schamanen oder zum Heiratsvermittler. Südseeatmosphäre kommt dann im oberen Stockwerk auf. Hübsche Fächer, Schiffe in schwarz Weiß und im Orignal und geisterhafte Figuren, unter anderem aus Bali. Von Fernweh getrieben setze ich mich, bevor das Museum schließt, noch ein bisschen in einen an eine Höhle erinnernden Raum. Hier werden „Masken der Südsee“ ausgestellt. Untermalt mit Dschungelgeräuschen, von fahlem Licht bestrahlt, in wirken die Kultgegenstände aus Neubritannien oder Neuguinea wie lebendige Albträume. Gut, dass sich Krokodil, Menschenfresser und namenlose Monster hinter Glaswänden befinden. Und schade, dass ich nicht noch ein wenig weiter reisen kann, zum Beispiel ins alte Ägypten oder ins moderne Schweden, wo junges, preisgekröntes Design gezeigt wird. Doch die Welt läuft mir hier nach 18 Uhr nicht weg. Ich komme wieder!

Katharina (Kulturredaktion)

Autor des Artikels: Katharina (Kulturredaktion)

Katharina (30), arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Sie liebt es, in die Vielfalt des Hamburger Kulturlebens einzutauchen und in den Kontrasten zu baden. Sie betrachtet die Welt vorzugsweise durch eine poetische Brille und hat eine Schwäche für gut erzählte Geschichten, melancholische Musik und alles Romantische.

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