Einfach mal alles rauslassen

Foto: Jörn Kipping

opera stabile: Im Mikrokosmos einer Bar treffen sich verlorene Seelen und blasierte Aufschneider. Was daraus erwachsen kann? Zwei Opern mit dem Namen „Minibar“ gehen auf Spurensuche.

Im Rahmen von Sven Daiggers „sitcom opera in 14 episodes“ und Manuel Durãos „musikalischer Farce“ beobachten wir sieben Personen, die der Realität entfliehen und in der vermeintlichen Sicherheit einer Bar sich und ihre Manieren vergessen. Sie kennen sich kaum und auch der Zuschauer lernt sie nur ausschnittsweise kennen. Der Raum ist dabei nicht sonderlich vertrauenserweckend. Man fühlt sich wie Alice im Wunderland, Wände und Boden im Schachbrettmuster scheinen ständig in Bewegung zu sein – eine optische Täuschung. Noch dazu wird das Bühnenbild in Schwarzlicht getaucht. Mit überzogener Theatralik werden die sieben Charaktere gemimt. Zu sehen sind eine Alleinerziehende, ein Barmann, ein Lehrer, ein Hörgerätemann, eine Alte sowie Er und Sie. Ob sie nun auf der Jagd nach einer heißen Nummer sind, den Sorgen des Arbeitsalltags entfliehen wollen oder nur auf der Suche nach einer längst vergangenen Zeit sind; alle sind sich einig: „Ein Tag, so kurz, darum müssen wir feiern. Ich habe vergessen, wann ich einfach nur gefeiert habe.“ So skandieren sie in Daiggers Oper, während sie vom Barmann hypnotisiert eine Musicalchoreografie ausführen. Neben der musikalisch nur dahinplätschernden Schwester im Fernsehen, lebt diese Sitcom Oper von dissonanten Klängen und ausdrucksstarken Motiven. Die Musiker des Zafraan Orchesters überzeugen mit ihrem pointierten Spiel unter der Leitung von Gabriel Venzago.

Es eskaliert

Im zweiten Teil, „Minibar“ als Farce, bauscht sich das Treiben auf der Bühne immer weiter auf – bis es quasi zum absoluten Chaos kommt. Wenn es am Anfang vor allem Abneigung, Überheblichkeit oder blasiertes Desinteresse ist, was die bunt zusammengewürfelten Protagonisten füreinander übrig haben, schlägt dies nach und nach in unverhohlene Abscheu, Komplizenschaft oder auch kurzeitiges sexuelles Interesse um. Eine Revo-lo-lo-vo-lu-tion wird geplant, Mann und Frau fallen übereinander her und der ein oder andere scheint kurz vor einem Herzinfarkt zu stehen. Es kommt, wie es kommen muss: Der Rausch bringt die ureigenen Instinkte zum Vorschein. Begleitend und interpretierend ist eine Komposition mit bekannten Anleihen zu hören –mit wunderbar swingendem Fundament.

Vielleicht ist das Stück so wirklichkeitsnah, dass es einem beim Zuschauen manchmal wie bei einem echten Barbesuch geht. Wenn man nicht in der gleichen Stimmung ist– oft hat das natürlich mit der Anzahl der Drinks zu tun – versteht man die anderen nicht (oder man findet sie zumindest nicht immer so witzig).

Die zwei Opern sind das Abschlussprojekt der Stipendiaten der „Akademie Musiktheater heute“. Sie können „Minibar“ noch am 27. Februar sowie am 01., 03. und 09. März in den Räumen der opera stabile  der Staatsoper Hamburg sehen.

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Pauline (Kulturredaktion)

Autor des Artikels: Pauline (Kulturredaktion)

Pauline (29) heißt im echten Leben Katharina Scheuermann und ist vor zwei Jahren aus der fränkischen Provinz nach Hamburg gezogen. Sie arbeitet als Texterin und pflegt ein eigenes kleines Modelabel. Pauline mag klassische Musik, modernes Theater, trauriges Kino, abgedrehten Humor und die kleinen Haubentaucher in der Alster. Als rasende Reporterin ist sie immer auf der Suche nach neuen Formen von Kunst und Kultur.

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