Flügge werden bei volltrunkenen Engeln

Foto: Jim Rakete

Wenn Joachim Meyerhoff aus seinem neuen Buch liest, kann man im Schauspielhaus prächtig unterhalten werden, man darf aber auch nachdenken. Am Montag, den 14.12., gibt es den zweiten Teil zu hören.

Der Tag beginnt mit einem Glas Champagner, mittags wird Weißwein serviert, um sechs Uhr abends ist Whiskey-Zeit und bei Rotwein finden die langen Gespräche des Abends statt. Von dieser Routine wird der Alltag des jungen Meyerhoffs im Hause seiner Münchener Großeltern geprägt. Zu später Stunde gleiten die älteren Herrschaften auf dem Treppenlift wie „volltrunkene alte Engel“ ins obere Stockwerk. Meyerhoff ist nach seinem Abitur aus der schleswig-holsteinischen Provinz nach München geflohen. In Schleswig hinterließ er nicht nur das zerrüttete Elternhaus auf dem Psychatriegelände, wo sein Vater Direktor war, sondern auch die Erinnerung an den bei einem Autounfall gestorbenen Bruder.

Sehnsucht: Schwesternwohnheim

In seinem dritten autobiografische Roman „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ beschreibt Meyerhoff seine Zeit während der Ausbildung zum Schauspieler. Der Beginn dieses Werks bewegt sich zwischen bourgeoiser Weltfremdheit und Liebenswürdigkeit der Großeltern, naiver Jugendlichkeit und Trauer. Die köstlichen Schilderungen seiner imposanten Großeltern – die Großmutter einst gefeierte Schauspielerin und immer noch voller Theatralik, der Großvater emeritierter Philosophieprofessor – verbinden sich mit den Gedanken eines Anfang Zwanzigjährigen, dem ein Zivildienst und die Unterbringung in einem Schwesterwohnheim verlockender erscheinen als das Studium an einer Schauspielschule. Die detaillierte Schilderung seiner Aufnahmeprüfung an der Münchener Otto-Falckenberg-Schule lässt das Publikum teilweise vor Scham und Mitleid in den Boden versinken. Was hat sich der junge Mann dabei gedacht, zweimal mit dem gleichen Text vorzusprechen und sich einfach zu weigern, einen geforderten 2. und 3. Text vorzubereiten?

Wie es in dem Roman „Ach, diese Lücke, diese unendliche Lücke“ weitergeht, können Sie am 14.12. (Teil II) und am 30.01.2015 (Teil III) erfahren. Informationen und Restkarten gibt es hier.

Auch ohne das Buch zu Ende gelesen zu haben, wissen wir, dass Meyerhoff den Sprung zum renommierten Schauspieler geschafft hat. Als festes Mitglied des Schauspielhauses ist er momentan in Molières wunderbaren Komödie „Die Schule der Frauen“ zu sehen. Für seine Darstellung des Arnolphe wurde er 2014 mit dem Rolf Mares Preis ausgezeichnet. Die nächsten Vorstellungen finden am 20.12.2015 und 15.01.2016 statt.

 

 

 

 

Pauline (Kulturredaktion)

Autor des Artikels: Pauline (Kulturredaktion)

Pauline (29) heißt im echten Leben Katharina Scheuermann und ist vor zwei Jahren aus der fränkischen Provinz nach Hamburg gezogen. Sie arbeitet als Texterin und pflegt ein eigenes kleines Modelabel. Pauline mag klassische Musik, modernes Theater, trauriges Kino, abgedrehten Humor und die kleinen Haubentaucher in der Alster. Als rasende Reporterin ist sie immer auf der Suche nach neuen Formen von Kunst und Kultur.

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