Fräulein Siems führt durch die Bauernstuben

Foto: Wilhelm Dreesen

Das Altonaer Museum hinterfragt mit „Stille Bauern und kernige Fischer?“ den naiven Blick des Museumsbesuchers auf die arbeitende Landbevölkerung.

Was erwarten wir eigentlich von einem Museumsbesuch über regionale Eigenheiten auf dem Lande? Idylle, Natur und eine Schönheit des Einfachen. Diese naiven Erwartungen arbeitet die Fotoausstellung „Stille Bauern und kernige Fischer?“ heraus. Ein Großteil der Sammlung ist im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entstanden. Viele Bilder waren Auftragsarbeiten, die dazu dienten, das Bedürfnis von Städtern nach Provinzromantik zu erfüllen. Der einstige Gründer und langjährige Direktor des Altonaer Museums, Otto Lehmann, verfolgte diesen Ansatz und hatte ihn geradezu als pädagogisches Credo seinen Sammlungen zugrunde gelegt.

Zeit-Collagen

Ohne die Begleittexte und Bildunterschriften würde man den Darstellungen vielleicht auch heute auf dem Leim gehen. Dass die Fotografie einer servierenden Dame in einer Holzstube eine Konstruktion ist, erkennt der unwissende Betrachter nicht sofort. Die Kulisse bildet eine der sich bereits seit 100 Jahren im Besitz des Museums befindenden Bauernstube. Lehmann ließ sie in der schleswig-holsteinischen Marsch abbauen und in seinem Museum wieder aufbauen. Die Szene wurde erst im Museum aufgenommen – mit einem Modell namens Fräulein Siems.

So was von typisch

Auf einem Bild ist anstelle einer Frau ein Mann bei der Arbeit zu sehen, auch wenn es sich um eine typische Frauenarbeit, Krabbenfischen, handelt. Der Mann hatte das höhere Ansehen und machte damit auch das Bild wertvoller. Häufig sieht man die Fischern und Bauern in einer Tracht, wie man sie sich vorstellt. Dass es sich hierbei oft um das feine Sonntagsgewand handelt, das in dem Arbeitskontext normalerweise gar nicht zu sehen gewesen wäre, erfährt man erst durch die schriftlichen Erläuterungen.

Die konstruierte Sichtweise wird in dem Bild „Brautwerbung auf Helgoland“ auf die Spitze getrieben und zieht doch weite Kreise. Zu sehen ist eine Szene auf Helgoland, bei der ein Brautwerber stellvertretend beim Vater um die Hand einer jungen Frau wirbt. Diesen Brauch hat es auf der Hochseeinsel so nicht gegeben. Dennoch führte das Bild dazu, dass sich viele Städter auf den Schiffsweg nach Helgoland aufmachten, um dort die suggerierte Idylle wiederzufinden.

Gemeinsam mit naivem Blick

Der Besuch der Ausstellung macht Spaß und lässt den Besucher diverse Male schmunzeln. Besonders gelungen ist die Kombination mit modernen Bildern von Agnieszka Rayss aus dem Fotografenkollektivs Sputnik Photos. Traditionelle Gegenstände aus Museumsmagazinen werden in ihren Bildern zu undeutbaren und völlig unromantischen Objekten.

Im Rahmen einer Führung konnte ich mich dabei ertappen, wie klischeebehaftet meine eigenen Vorstellungen vom Landleben sind. Im Austausch mit den anderen Teilnehmern fanden sehr interessante Reflexionen über das Gesehene statt. Eine (öffentlichen) Führung ist auf jeden Fall sehr zu empfehlen. Stille Bauern und kernige Fischer?

Termine: 21. Februar, 27. März 2016 um 14 Uhr

Ausstellungsdauer: bis 3. April

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