Kein Vordringen möglich

Foto: Armin Smailovic

Von menschlichen Monstern und unüberwindbaren Mauern handelt Kafkas „Das Schloss“ in der Inszenierung von Antú Romero Nunes im Thalia Theater.

Ein Landvermesser kommt in ein weit abgelegenes Dorf das zu einem Grafenschloss gehört. Der Landvermesser, das sind wir, das Publikum. Und durch die uns zugedachte Rolle erleben wir die Zurückweisung, Ablehnung und das Misstrauen der Dorfbevölkerung am eigenen Leibe. „Gastfreundlichkeit ist bei uns nicht Sitte“ oder „Wir brauchen keine Gäste“. Das der Landvermesser hier unerwünscht ist, wird deutlich. Der 1922 verfasste, unvollendete Roman ist von brisanter Aktualität. Der Hass und die unüberwindbaren Mauern wirken in dem düsteren Stück wie ein Kommentar zu Pegida, AfD und Co. Es läuft einem kalt den Rücken runter. Gleichzeitig lebt die Inszenierung von der maskenverzerrten Groteske. Die Dorfbewohner stecken in entstellenden Fettwulsten, sind verwahrlost und verhalten sich wie die Insassen einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung. Mir fällt sofort der dänische Film „Men & Chicken“ von Anders Thomas Jensen ein. Eine weitere Parallele zu der Kunst der Dänen entsteht durch die Umrisszeichnungen auf dem Boden aber auch thematisch: In den Dogma-Filmen Lars von Triers „Dogville“ und „Manderlay“ findet sich eine Fremde in einer eingeschworenen Dorfgemeinschaft wieder, von der sie grausam behandelt wird.

Eine eiserne Festung

Der Landvermesser möchte seiner Arbeit nachgehen, denn dafür hat er einen langen Weg auf sich genommen. In dem Dorf werden aber alle Entscheidungen von den Bewohnern des Schlosses getroffen. Das Schloss ist hier kein glamouröser Ort, sondern eine nicht greifbare Festung. Sie ist in der Inszenierung nicht sichtbar, bleibt das unerreichbare, einschüchternde Sinnbild von Macht und Willkür. Obskurität und Übertreibung zeichnet die meisten der Szenen aus – ob es sich um eine Sitzung im Gemeinderat handelt oder die Geschehnisse im Dorfgasthaus. Aber das Lachen bleibt einem im Halse stecken, das Düstere droht über jedem klamaukigen Einfall wie ein unheilvolles Gewitter.

Mutterseelenallein

Die Schauspieler verausgaben sich dabei vollends, vor allem Mirco Kreibich mit seiner physischen Präsenz und der Präzision seiner Bewegungen. In den letzten 20 Minuten mimt er eindrucksvoll den Landvermesser mit all seiner Verzweiflung und Wut. Wie die Geschichte bei Kafka enden sollte, weiß man nicht. Hier im Thalia Theater steht der Landvermesser zum Schluss quasi nackt und hilflos im Schnee und scheint von der ganzen Welt verlassen.

Dieses hervorragende Stück können Sie am 10., 11. und 29.06. im Thalia Theater sehen. Infos und eine kleine Einführung finden Sie hier.

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Pauline (Kulturredaktion)

Autor des Artikels: Pauline (Kulturredaktion)

Pauline (29) heißt im echten Leben Katharina Scheuermann und ist vor zwei Jahren aus der fränkischen Provinz nach Hamburg gezogen. Sie arbeitet als Texterin und pflegt ein eigenes kleines Modelabel. Pauline mag klassische Musik, modernes Theater, trauriges Kino, abgedrehten Humor und die kleinen Haubentaucher in der Alster. Als rasende Reporterin ist sie immer auf der Suche nach neuen Formen von Kunst und Kultur.

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