Kommt Godot diesmal?

Foto: Armin Smailovic

Ein Bühnenklassiker wird im Thalia Theater von Stefan Pucher neu inszeniert.

Ein puristisches Bühnenbild, moderne Klamotten, aktueller Bezug, Agonie und Gewalt. Man ist gebannt von dem Geschehen und auch, wenn es manchmal zu viel wird, kann man nicht gehen. Wieso? Wir warten auf Godot.

Das Thalia Theater lädt ein zu einer modernen Interpretation von Samuel Becketts „Warten Auf Godot“. Das Bühnenbild von Stéphane Laimé, der die Straße und den Baum durch eine Hügellandschaft aus Europaletten ersetzt hat, wirkt schon beim Betreten unfertig, als warte die Bühne selbst auf ihre Vollendung. Es hat Charme allein durch die Trostlosigkeit – eine unangenehme Assoziation mit Verladerampen drängt sich auf. Sollte die Interpretation, dass Wladimir und Estragon Juden seien, die auf ihren Schleuser warten, hier nochmal aufgegriffen werden? Doch dafür sind die beiden zu neumodisch angezogen und auch ihre teils schnoddrige Sprache passt nicht. Diese Kombination wirkt eher wie eine groteske Darstellung jugendlicher Langzeitarbeitsloser. Ein Stil, der so aussieht, wie sich das Bildungsbürgertum wohl Hip Hopper und Hartz 4-ler vorstellt. Didi und Gogo werden herausragend gespielt von Jens Harzer und Jörg Pohl.

Am Samstag muss man doch was bieten, zumindest heruntergelassene Hosen.

Nach diesem Motto zieht Didi zu Beginn erstmal blank: Willkommen in Absurdistan. Die seltsame, manchmal auch lustige Konstellation, welche die beiden Wartenden ohnehin schon bietet, wird durch das Gespann Pozzo und Lucky endgültig realitätsverzerrend konterkariert. Sie werden überzeugend und überdreht von Oliver Mallison und Mirco Kreibich dargestellt und sind ebenfalls zeitgemäß angelegt. Ein lederbejackter Metal-Juppie treibt einen Knecht vor sich her, der voll beladen, stolpernd und zitternd über die Palettenlandschaft wandert. Vom Kostüm her könnte er direkt aus Abu-Ghraib entflohen sein. Dem beklemmenden Auftritt dieser Gestalten geht ihre visuelle Einführung voraus. Hart wummernde Bässe und schrille Töne, aus der Feder von Christopher Uhe, begleiten einen Schwarzweißfilm von Susanne Meister, in dem die zwei Gestalten bereits zu sehen sind. Er wird im Großformat auf die Wand hinter der Bühne geworfen. So treten der Un- und der Untermensch von der Projektion direkt in das Geschehen.

Dieses wird zunehmend surreal, traumwandlerisch, weder kann man es in Raum noch Zeit verorten, geschweige denn die Protagonisten klar zuordnen. Diese breite Interpretationsfläche bietet einen idealen Spielplatz für das phantastische Ensemble. Viele aktuelle Anspielungen sind eingearbeitet, sei es die Rap-Einlage von Didi mit der Hommage an „Ist mir egal“ von Kazim Akboga oder die allgegenwärtige E-Zigarette. Ein stimmiges Paket wird da abgeliefert, ein kafkaeskes Erlebnis mit all den Facetten, die Beckett auch nach 60 Jahren noch aktuell machen. Anders lässt sich der begeisterte Applaus am Ende der Vorstellung nicht erklären.

Die nächsten Vorstellungen von „Warten auf Godot“ finden am 18. März sowie am 21. und 30. April 2016 statt.

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Pauline (Kulturredaktion)

Autor des Artikels: Pauline (Kulturredaktion)

Pauline (29) heißt im echten Leben Katharina Scheuermann und ist vor zwei Jahren aus der fränkischen Provinz nach Hamburg gezogen. Sie arbeitet als Texterin und pflegt ein eigenes kleines Modelabel. Pauline mag klassische Musik, modernes Theater, trauriges Kino, abgedrehten Humor und die kleinen Haubentaucher in der Alster. Als rasende Reporterin ist sie immer auf der Suche nach neuen Formen von Kunst und Kultur.

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