Polyamorie in der Großstadt – mit tragischem Ende

Foto: Monika Rittershaus

„La Traviata“ – eine der tragischsten Liebesgeschichten des 19. Jahrhunderts bekommt an der Hamburger Staatsoper neuen Drive.

Vor 150 Jahren, zur Entstehungszeit von „La Traviata“, waren die Begriffe Liebe, Treue, Ehre und Mut sicherlich noch etwas anders besetzt. Sieht man den ersten Akt von Verdis berühmter Oper und die imposanten Liebesbekenntnisse von Alfredo an Violetta, denkt man sich: gut, die zwei können sich doch nun in Ruhe kennenlernen und erstmal glücklich zusammenleben – gerade da Violetta krank ist. Aber die Sache ist komplizierter. Violetta ist nicht einfach eine emanzipierte Frau, die dem Genuss und der Polyamorie in der Vergnügungsmetropole Paris nicht abgeneigt ist, aber nun zum ersten Mal die große Liebe kennenlernt, sondern sie ist eine „Kurtisane“. Durch die Verbindung der zwei Liebenden ist die Ehre der Familie von Alfredo in Gefahr, was so weite Kreise zieht, dass Alfredos Schwester von Ihrem Verlobten sitzen gelassen wird, wenn sich dieser nicht von seiner geliebten Violetta trennt. Diese patriarchalen Strukturen, in denen die Vorstellung von Ehre und Anstand weit wichtiger sind als Liebe, Loyalität und Freundschaft, wirken heute vor allem furchtbar steif. Zu Verdis Zeiten war es jedoch ein mittlerer Skandal, dass eine Vertreterin der sogenannten „Halbwelt“ überhaupt im Mittelpunkt der Geschichte steht.

Die Qual der Wahl

Violetta wird seit Januar von der mit Auszeichnungen reich geschmückten russischen Sängerin Irina Lungu verkörpert. Ihre selbstbewusste Interpretation, bei der die qualvollen körperlichen Leiden etwas weniger präsent sind, lässt diese „Traviata“ ungewöhnlich aktuell erscheinen. Die anfänglichen Überlegungen der jungen Erwachsenen – Wie kann ich gleichzeitig frei sein und doch geliebt werden? Ist es nicht angenehmer, ungebunden allen Freuden nachzugehen als mich festzulegen? – bieten Identifikationspotenzial. Dies liegt auch an dem reduzierten und gleichsam modernen Bühnenbild von Annette Kurz. Die Kulisse bilden blinkende Autoscooter und ansonsten nicht viel. Außerdem wirken weißgeschminkte Zwischengestalten, die einem Zirkus der Toten entlaufen zu sein scheinen, als besonders plastische Vorboten Violettas Tod. Ihr Ableben ist – wie bei der Dumas‘schen Romanvorlage – von Anfang an bekannt. Zeitgleich mit der lebenden und liebenden Violetta liegt ihr Leichnam bereist auf der Bühne. Dieser inszenatorische Coup von Regisseur Johannes Erath lenkt die Aufmerksamkeit der Zuschauer vom reinen Handlungsverlauf weg auf die emotionalen und moralischen Ebenen.

Gute Impulse zur Reflexion

La Traviata ist eine der bekanntesten italienischen Opern. Sie funktioniert auf emotionaler Ebene auch heute noch vollkommen und geht direkt ins Herz. Die Oper lädt aber auch dazu ein, sich mit bestimmten Geschlechterrollen und archaischen Ehrbegriffen durchaus kritisch auseinanderzusetzen. Daneben birgt die Musik besonders mit ihren Ohrwürmen im ¾-Takt einen großen Unterhaltungswert. Die durchweg gute Leistung der Sänger und Sängerinnen an der Staatsoper macht die Inszenierung zu einer runden Sache.

„La Traviata“ von Verdi in der Inszenierung von Johannes Erath: Die nächsten Vorstellungen am 17.01., 23.01., 07.05., 10.05., 12.05. Weitere Infos und Tickets.

Pauline (Kulturredaktion)

Autor des Artikels: Pauline (Kulturredaktion)

Pauline (29) heißt im echten Leben Katharina Scheuermann und ist vor zwei Jahren aus der fränkischen Provinz nach Hamburg gezogen. Sie arbeitet als Texterin und pflegt ein eigenes kleines Modelabel. Pauline mag klassische Musik, modernes Theater, trauriges Kino, abgedrehten Humor und die kleinen Haubentaucher in der Alster. Als rasende Reporterin ist sie immer auf der Suche nach neuen Formen von Kunst und Kultur.

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