Schnapspralinen und Weltherrschaft

Foto: G2 Baraniak

Aus dem Leben zweier ungewöhnlicher Freunde – die „Känguru-Chroniken“ von Marc-Uwe Kling werden am Altonaer Theater mit einer Prise Aktualität gewürzt und musikalisch serviert.

Ein Anarchist und ein Kommunist wohnen gemeinsam in einer WG. Sie trinken Bier, essen Schnapspralinen und philosophieren über das Leben. Klingt nach einer Situation, wie sie es zu Tausenden gibt. Der Anarchist ist aber nicht irgendein Typ, sondern der Kleinkünstler und erfolgreiche Autor Marc-Uwe Kling. Ach und der Kommunist ist ein Känguru… Ja genau, ein Känguru mit Beutel und langen spitzen Ohren.

Ob als Buch oder Hörbuch, Marc-Uwe Kling trifft mit seinen urkomischen Texten den Nerv der Zeit und voll auf die Lachmuskulatur. Nun hat sich das Altonaer Theater, das seit jeher Bücher spielt, diesem erfolgreichen Text gewidmet und reichert ihn mit hochaktuellen Bezügen an.

Bei einem WG-Casting hätte das Känguru wohl schlechte Karten. Denn es ist vorlaut, aufmüpfig, überheblich, bekennender Kommunist, hat keine Manieren und frisst alles, was ihm unter die Pfoten kommt – bevorzugt Schnapspralinen. Trotzdem verbindet das Känguru und den etwas lethargischen Kleinkünstler und Romanautor eine innige Freundschaft, schon kurz nachdem das Känguru ungefragt bei dem jungen Mann einzieht. Eine skurrile Situation reiht sich an die nächste. Ob sie gemeinsam in der Kneipe ihres Vertrauens Schnaps trinken, sich beim Arbeitsamt vorstellen, in Brandenburg auf Nazis treffen oder den Kapitalismus abschaffen wollen.

Minimalismus trifft Kapitalismuskritik

Unter der Regie von Hans Schernthaner wird die Autorenbutze zu einem schwarz-weißen Raum aus Pappmaché, dem durch Kreidestriche weitere Gegenstände hinzugefügt werden können. Außer den zwei stets bühnenpräsenten Protagonisten und der überschaubaren Anzahl an weiteren Figuren, gibt es eine Person, die dem Stück Stimmung verleiht: Der Pianist Uwe Marc. Auf seinem Klavier jagt ein Klassiker den nächsten – von der Tatort-Melodie, über Tocotronic oder Howard Carpendale, bis hin zu den Scorpions. Von seiner Position als musikalischer Untermaler wird er immer wieder ins Geschehen hineingezogen. Bei der vom Känguru rekrutierten Crew, die den Hauptserver des Ministeriums für Produktivität lahmlegen soll, ist er natürlich dabei.

Im Gegensatz zu der Hörversion des Autors, der mit unaufgeregter, beinahe gelangweilter Vortragsweise die Absurdität des Inhalts parodiert, lebt diese Theater-Inszenierung vom Slapstick, Klamauk, Übertreibung und dem Aktualitätsbezug. Ob Merkel, Böhmermann oder Hitler – die Anspielungen kommen beim Publikum hervorragend an. Es gibt nur weniger Momente am Abend, in denen weder lauthals gelacht, noch verstohlen gekichert wird. Die Premiere im April wurde von Publikum und Presse gefeiert, aber auch an den anderen Vorstellungsabenden ernten die Darsteller und Mitwirkenden tosenden Beifall und begeisterte Pfiffe.

Die Känguru-Chroniken laufen noch den gesamten Juni im Altonaer Theater. Beeilung beim Kartenkauf. Viele Termine sind schon ausverkauft.

PS: Falls Sie nach dem Theaterbesuch auf den Geschmack gekommen sind: Kängurus zu halten, ist in Deutschland prinzipiell nicht verboten.

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Pauline (Kulturredaktion)

Autor des Artikels: Pauline (Kulturredaktion)

Pauline (29) heißt im echten Leben Katharina Scheuermann und ist vor zwei Jahren aus der fränkischen Provinz nach Hamburg gezogen. Sie arbeitet als Texterin und pflegt ein eigenes kleines Modelabel. Pauline mag klassische Musik, modernes Theater, trauriges Kino, abgedrehten Humor und die kleinen Haubentaucher in der Alster. Als rasende Reporterin ist sie immer auf der Suche nach neuen Formen von Kunst und Kultur.

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