Vor Gericht

Foto: Matthias Baus

Wie verhält man sich, wenn man die Macht hätte, Tausende vor dem Tod zu retten, indem man einige wenige tötet? „Terror“ – ein hochaktuelles Theaterstück und Experiment am Schauspielhaus.

Ferdinand von Schirach schrieb 2015 mit „Terror“ ein brisantes Justizdrama. Es seziert ein moralisches Dilemma, das man im Schauspielhaus nun hautnah miterleben kann. Der Plot: Ein Passagierflugzeug wird von einem Terroristen gekapert, der ankündigt, dieses in die vollbesetzte Allianz Arena in München stürzen zu lassen. Ungefähr 70.000 Zuschauer verfolgen dort ein wichtiges Fußballspiel. Ein Major der Luftwaffe handelt dem Befehl des Justizministeriums zuwider und schießt das Flugzeug eigenmächtig ab. Beim Absturz sterben 164 Menschen, die Zuschauer im Stadion sind gerettet. Nun muss sich der Pilot vor einem Schöffengericht für die Tat verantworten. Die Schöffen, das sind wir, das Publikum.

Kein Wunder, dass Fernsehformate wie „Richterin Barbara Salesch“ so ein Publikumserfolg sind, wenn man diesem Schauspiel in Hamburg beiwohnt. Und gleichzeitig kann die Sat.1-Show quasi einpacken. Denn es ist zwar auch hier ein fiktiver Text, der auf die Bühne gebracht wird, aber er behandelt so realitätsnah die Fragen von Moral, Schuld, Verantwortung und persönlichem Gefangengensein, dass es in den Köpfen des Publikums gehörig raucht.

Menschlichkeit oder Egoismus?

Anklage, Verteidigung, Zeugen und der Angeklagte selbst beleuchten den Fall aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Schon meint man, nun vollends von der einen Seite überzeugt zu sein, dann kommt ein überzeugendes Argument von der Gegenseite. Darf „Leben gegen Leben“ gewertet werden? Wie hätte der Pilot entschieden, wenn seine Frau in dem entführten Flugzeug gesessen hätte? Gerade die Gedankenexperimente – die man hier sicherlich nicht zum ersten Mal durchspinnt – führen dazu, dass schuldig oder nicht schuldig gedanklich nur ein paar Zentimeter auseinander liegen.

Dass dieses Stück gerade jetzt im Schauspielhaus gespielt wird, ist kein Zufall. Es läuft im Rahmen des FAQ-Room, was für „frequently asked questions“ steht. Hierbei werden brisante und gesellschaftlich relevante Themen auf der Bühne behandelt. Für „Terror“ bereiteten sich die Mitwirkenden lediglich zwei Wochen vor, und das ohne Regie. Diese kurze Vorbereitungszeit merkt man der Darbietung aber auf keinen Fall an. Es ist eine hervorragend klare Inszenierung. Dass die Schauspieler teilweise auf einen Textausdruck zurückgreifen – geschenkt.

Wie schön, dass mit dieser Reihe das Theater seiner Verantwortung als Ort, in dem wichtige aktuelle Themen diskutiert werden, nachkommt und sich von reiner Unterhaltung bewusst abhebt.

Sie können dem Schauspiel „Terror“ noch am 18. April sowie 07., 08., 14. und 29. Mai beiwohnen. 

Pauline (Kulturredaktion)

Autor des Artikels: Pauline (Kulturredaktion)

Pauline (29) heißt im echten Leben Katharina Scheuermann und ist vor zwei Jahren aus der fränkischen Provinz nach Hamburg gezogen. Sie arbeitet als Texterin und pflegt ein eigenes kleines Modelabel. Pauline mag klassische Musik, modernes Theater, trauriges Kino, abgedrehten Humor und die kleinen Haubentaucher in der Alster. Als rasende Reporterin ist sie immer auf der Suche nach neuen Formen von Kunst und Kultur.

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