Auf Linien spazieren

Nordpuls-Führung mit Filmemacherin Nathalie David durch die Ausstellung „Gego – Line as Object“

© Nathalie David

„Ich liebe es, durch die Ausstellung zu gehen und die Leute dabei zu beobachten, wie sie die Objekte  betrachten und auf sie reagieren“, erzählt Nathalie David in der Galerie der Gegenwart vor den Objekten von Gego. Die Filmemacherin aus Frankreich hat eine Dokumentation über die Künstlerin aus Hamburg gedreht, die auch innerhalb der Ausstellung gezeigt wird. Heute teilt sie mit einer Gruppe Nordpuls-Mitglieder für zwei Stunden ihr Wissen und ihre Begeisterung. Folgt man Davids Beispiel und beobachtet die Besucher beim Flanieren durch die Räume sieht man sie immer wieder in ähnlichen Posen veharren: Den Kopf angewinkelt, die Arme verschränkt oder in die Hüfte gestemmt, den Körper still haltend, um ungestört schauen zu können. Glänzende Augen, Lächeln, Staunen.

Die großen raumgreifenden Objekte von Gego, oder auch Gertrude Goldschmidt, haben etwas an sich, das zum Verweilen einlädt, sie bringen Ruhe, sie laden zugleich auch zum Spaziergang mit den Augen ein.

Man wandelt auf Linien, von einer zur nächsten und weiter. Etwas, das man bis ins Unendliche fortsetzen könnte. Die Linien bestehen aus Drähten, kleinen Metallstangen, Kabeln – Material, das sich eignete, um damit in den Raum zu zeichnen. Die Künstlerin jüdischer Herkunft, die den größten Teil ihres Lebens in Venezuela verbrachte, zeichnete zwar auch auf Papier, ihr Hauptinteresse galt aber der Gestaltung im Dreidimensionalen.

© Nathalie David
© Nathalie David

Nathalie David, die durch ihren Film zur Gego-Expertin wurde, weist bei der Betrachtung der Kunstwerke auf etwas Entscheidendes hin: Lenkt man den Blick auf das Kleine, auf einzelne Bruchstücke, erkennt man das Prinzip, das den Konstruktionen zu Grunde liegt. Es beginnt immer mit der Linie. Damit besteht eine Nähe zum kunsttheoretischen Denken anderer Künstler, beispielsweise Paul Klee, der ebenfalls Linien auf Spaziergänge ohne besonderes Ziel schickte. Gego, die statt Kunst, Architektur studiert hat, habe sich aber „nie als Künstlerin verstanden“, erzählt die Filmemacherin.

Vielleicht trägt dies auch dazu bei, dass man in Gegenwart von Gegos Werken so wunderbar durchatmen kann. Sie sind nicht schwer von Theorie, sind frei von komplizierter autobiografischer Symbolik. Ohne Sockel, mit durchsichtigen Fäden an der Decke befestigt schweben sie im Raum.

Stabil und dennoch leicht und transparent. Man kann mit den Augen hineingreifen, man kann sie von außen betrachten und, durch ein kluges Beleuchtungssystem in Szene gesetzt, werfen sie interessante Schatten auf Boden und Wand. Und dennoch umgibt sie eine Aura, die sie auf eine andere Ebene jenseits der bloßen Wirklichkeit hebt. Das Kunstwerk ist sehr deutlich da und zugleich ist es auch nicht da. Die leeren Räume zwischen den Stegen und die tanzenden Schatten auf dem Boden gehören genauso zu ihm wie die greifbaren Verbindungen.  In unserer reizuberfluteten Welt sind sie in ihrer Reduktion eine Erholung für Geist und Auge, zugleich kann man sie auch als großes Netzwerk verstehen. Menschen sehen einander durch die Zwischenräume an, folgen den Linien bis sich ihre Augen begegnen und nehmen sich selbst im Raum anders wahr. Toll!

© Nathalie David
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