Das zweite Event von Night Shifts führt in die Hamburger City Nord, ein Stadtviertel, das in den 1970er Jahren als eines der ambitioniertesten Nachkriegsprojekte Europas entworfen wurde. “Europas Modellstadt der Moderne” blieb infrastrukturell trotz zentraler Lage vom Rest der Stadt isoliert; die Straßen nach Dienstschluss verwaist, düster, unbehaglich. Die City Nord ist ein Ort zwischen gescheiterter Utopie, merkwürdiger Nostalgie und gegenwärtigem Wandel. Viele der denkmalgeschützten Gebäude stehen leer, zugleich deutet sich mit neuen Nutzungen wie dem Einzug der Polizeiakademie und dem Bau einer U-Bahn-Linie eine mögliche Zukunft für das Viertel an.
Am 27.3.2026 um 20 Uhr treffen wir uns nach Einbruch der Dunkelheit an der Bushaltestelle Überseering. Dort wird das Publikum von den Nachtwächterinnen in Empfang genommen und zur ersten Station unserer Veranstaltung geführt.
Der Abend beginnt vor der Einstellungsstelle der Polizei Hamburg mit einer Lesung und einem Spaziergang durch die abendliche City Nord mit der Autorin Lisa-Viktoria Niederberger. In ihrem Essayband Dunkelheit. Ein Plädoyer. (Haymon, 2025) fragt sie, wie ein Leben aussehen könnte, das der Dunkelheit wieder Raum gibt. Ihre Texte verbinden Fragen von Macht, verborgenen Klassenunterschieden und patriarchalen Strukturen mit Themen wie Natur- und Arbeitsschutz, dem Sternenhimmel als Kulturgut sowie feministischen und politischen Perspektiven. Begleitet von Niederbergers Texten erkunden wir gemeinsam die düsteren Straßenschluchten der City Nord.
Fragen von Macht und Kontrolle und deren Verlust stehen auch im Zentrum von Liina Magneas Performance Ssassin’s Creed (Lady says Stop). Die Arbeit taucht in die Schatten menschlichen Verhaltens ein, die sichtbar werden, wenn scheinbar stabile Autoritätsstrukturen ins Wanken geraten. Magneas tänzerische Performance bewegt sich zwischen Machtdemonstration, Gewalt und Opferrolle und spricht dabei Gefühle wie Angst, Fremdscham und Mitgefühl an. Besessen von der Idee eines immateriellen Gesamtkunstwerks verbindet ihre Arbeit Musik, Bewegung, Filmdramaturgie und Internet-Scrolling zu einer metamorphischen Darstellung menschlicher Abgründe.
Treffpunkt: 20 Uhr, Bushaltestelle Überseering
Lesung: 20:30 Uhr, Einstellungsstelle der Polizei Hamburg, Dauer: ca. 60 Min.
Performance: 21:30 Uhr, Tanzschule “die 2”, Dauer: ca. 30 Min.
Night Shifts
Hamburg, Feb–Dez 2026
Ein Projekt von Rosanna Graf, Lisa Klosterkötter und Gesa Troch
Night Shifts ist ein künstlerisches Jahresprogramm im öffentlichen Raum Hamburgs, das sich 2026 im Rahmen von acht Kapiteln dem Thema Dunkelheit widmet. Zwischen Dämmerung und Morgengrauen finden Ausstellungen, Performances, Soundinstallationen und Lesungen statt, die das Spannungsfeld zwischen Licht und Schatten, Sichtbarkeit und Verborgensein beleuchten. Im Laufe des Jahres werden verschiedene Orte in der Stadt, darunter der Hafen sowie Stadtteile wie Harburg, City Nord und St. Pauli, von wechselnden Künstler:innen bespielt. Die Interventionen untersuchen die nächtliche Dunkelheit der Stadt als ambivalenten Zustand: Während die Nacht Unsicherheit hervorrufen und unsere Bewegungen einschränken kann, eröffnet sie zugleich Schutz- und Spielräume für Selbstentfaltung, Visionen und Exzess. Die künstlerischen Beiträge nähern sich den gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und popkulturellen Facetten der Finsternis aus unterschiedlichen Perspektiven. Drei Nachtwächterinnen begleiten jede Veranstaltung und führen durch die Nacht.