SINEM - Hatun Release Tour Pop

  • Hafenklang
    © Ann-Katrin Weber

Hatun wusste immer, was sie will. Hatun packte ihren Koffer und fuhr nach Deutschland. Ihr Mann blieb, erst später kamen er und die Kinder nach. Da hatte Hatun längst Arbeit in einem Dorf in Oberbayern gefunden und sich mit Klugheit, Fleiß und Umsicht unentbehrlich gemacht. Heute ist Hatun alt, sie wird vergesslich. Aber eines hat sie gut verstanden, und das vergisst sie nicht: Sinem macht Musik, sie singt und tanzt auf Bühnen. Nun hat Sinem schon ihr zweites Album aufgenommen und das wird ihren Namen tragen: „Hatun“. Ein Bild von ihr, der jungen Hatun, wird auch auf der Platte abgebildet sein. Sinem ist ihre Enkelin, und die weiß, was sie will.
Sinem wuchs in Oberbayern auf, am Ammersee. Sie zog nach München, wo sie noch heute lebt. Ihr Vater hatte ihr westliche Popmusik vorgespielt, die coole Variante: Tanz den Mussolini. Bei den Großeltern wurde die Musik aus der Heimat gespielt und gesungen. Die Klassiker der türkischen Popkultur, die wieder und wieder aufs Neue interpretiert werden, oft von Sängerinnen, deren Namen irgendwann einen mythischen Klang bekommen haben, weil sie nicht einfach nur Sängerinnen sind. Sie interpretieren die Texte der Dichtersänger, der Aşıks, und sie schreiben eigene. Sie sprechen von den Dingen, um die es geht. Von der Liebe, der unerwiderten, der unmöglichen und der verflossenen, vom Schmerz und der Sehnsucht. Aber auch von dem, was passiert, im Dorf, im Land, auf der Welt, von der Ungerechtigkeit und vom Widerstand dagegen.
Auf ihrem ersten Album „Köşk“ interpretierte Sinem solche Klassiker. Sie alle hatten gemein, dass sie eine Haltung transportieren. Durch ihre Lyrics, ihren Sound oder durch elegante Moves wie diesen: Das Lieds eines Machos zu singen, der über eine Frau spricht. Dass es nun aber Sinems Stimme ist, die diese Worte singt, und sie sich dazu ekstatisch auf der Bühne wälzt, sagt mehr als jedes feministische Seminar. Das ist Anadolu Punk.
Das neue Album, „Hatun“, beginnt mit „Ötme Bülbül Ötme“, geschrieben von Pir Sultan Abdal, interpretiert von Sercan Öztürk und Hüseyin Korkankorkmaz. Es ist eines der Lieder, die Sinem bei ihren Großeltern hörte. Vielleicht erzählte es ihnen über das Leben in der Fremde: „Sing nicht, Nachtigall, mein Garten ist nicht fröhlich. Aus Sehnsucht nach dir vergehe ich.“ Für „Hatun“ hat sich Sinem wieder Klassiker vorgenommen von Sezen Aksu, Erkin Koray und anderen, die eine besondere Bedeutung für sie haben und sie schon lang begleiten.
Sinem, die Band, in der Tom Wu für die Musik und Sinem für den Gesang verantwortlich sind, hat nun aber auch eigene Lieder geschrieben. Weil die aus ihnen selbst kommen, entwickeln sie eine eigene Kraft. Der Stimme der Tradition wird aus der Gegenwart geantwortet, die Vergangenheit bildet die Echokammer für Geschichten von heute.
Erwartungen, die andere an uns herantragen, lassen uns nur zurück in die Vergangenheit und nach vorn in die Zukunft schauen, aber nie im Augenblick leben und zufrieden sein mit dem, was man tut und was man ist. Sinem hat darauf eine rotzige Antwort parat: „Bana ne“, ist mir egal! „Dies habe ich selbst getan. Und das habe ich selbst getan. Was willst du dagegen tun? Was geht’s dich an? Ist mir egal!“ So erhebt Sinem auf dem zweiten Stück des Albums ihre Stimme über einem muskulös rockenden Track, der stoisch und mit festem Schritt seinen eigenen Weg geht.
Das soll nicht so sein, sagen sie. Wir sollen tun, was unserer Rolle entspricht. Dieses Märchen scheint Sinems Erzählerin in „Masal“ den Leuten aber nicht mehr abzunehmen: Ein braves, höfliches, stilles, süßes Mädchen bricht aus seinem Käfig aus und verwandelt sich in ein mutiges, frei lebendes, geflügeltes Mädchen. Oder ist diese schöne Geschichte ihrer Befreiung nur ein weiteres Märchen, zu dem das Mädchen wieder nur brav nicken darf?
„Asla!“ ist ein Banger, nicht einmal zwei Minuten lang. Er handelt von einem Tabu, das eher Frauen trifft als Männer. Man soll sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. „Niemals!“, damit das Gegenüber nicht auf die Idee kommt, dass man sich für etwas Besseres hält, weil man gewisse Talente besitzt. „Ichbewahre die geheimsten Worte. Ich teile sie nicht, niemals teile ich sie. Ich singe die schönsten Lieder. Schau mich nicht an, schau mich lieber nicht an.“
In „Agatha Christie“, dem letzten der von Sinem selbst geschriebenen Lieder auf dem Album, wird ein Suchscheinwerfer auf jene Männer geworfen, die im Schatten der patriarchalischen Verhältnisse Frauen auf der Straße mal wie nebenbei, mal ganz unverschämt anstarren und so zu Dingen machen, die es zu beurteilen und zu besitzen gilt. „Ihre Gesichter sind maskiert, verhüllt in der Dunkelheit der Seele. An jeder Ecke warten sie.“ Agatha Christie wohnte oft im Pera Hotel im Istanbuler Viertel Beyoğlu. Ebendort lebte auch Sinem zwei Jahre lang, ging jeden Tag unter den Blicken der Maskierten. Jetzt schaut sie zurück, und wirft ihre Verhüllung ab: Wir sehen euch, und wenn wir euch sehen, wird euch das Gaffen schon vergehen.
Tom Wu hat jedem Song eine eigene, individuelle Note gegeben, verschiedene Gitarristen haben ihre Riffs dazu eingespielt. „Hatun“ groovt lässig vor sich hin und spiegelt so das Selbstbewusstsein von Sinem, die selbst zu sprechen begonnen hat – poetisch und souverän. Sie nimmt sich nun auch in den Worten ihren Platz. Wer erzählt, was ist, hat das Sagen.
Hatun ist stolz auf ihre Enkelin, und ihre Enkelin ist stolz auf sie.


Formed in Madrid in 2002 around songwriter and musician Pepo Márquez, The Secret Society have spent more than two decades building one of the most singular trajectories in Spanish independent music. Across an extensive discography and more than 500 live shows, the band have developed a distinctive language where intimate songwriting, noise, folk, indie rock and experimentation coexist. Albums such as the critically acclaimed Peores cosas pasan en el mar (2011) helped cement their reputation and contributed to the band’s enduring cult status in Spain, sustained by a fiercely loyal audience rather than by conventional mainstream exposure.
From the outset, The Secret Society have operated with a strong DIY ethic, treating independence not as an aesthetic label but as a practical and ethical position: releasing music through independent structures, organising tours through direct relationships with promoters and venues, and continually questioning the economic structures surrounding music. That philosophy has allowed the project to survive, mutate and remain relevant for over twenty years without surrendering its identity. It also connects naturally with Márquez’s broader work as an author and cultural activist, exploring ownership, cultural power and the political responsibilities of artists.
The band’s history extends well beyond Spain through international touring and connections with the wider European independent scene, sharing stages along the way with artists including Wilco, Low, Damien Jurado, Songs: Ohia and Dominique A. Now based between Hamburg and its Spanish roots, The Secret Society currently operates around Márquez and bassist Klas Van Hasselt, combining guitars and bass with drum machines, samplers and electronics. Their latest chapter — including the 2026 EP Contra toda autoridad — presents The Secret Society not as a legacy act, but as what they have always been: an independent band in permanent transformation, still committed to doing things on their own terms.

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© ThisIsJulia Photography

Hafenklang

In direkter Nähe zur Elbe – wie könnte es auch anders sein - ist der geschichtsträchtige Hafenklang zu Hause.

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