Programm:
J.S. Bach/F. Busoni – Chaconne aus der Partita BWV 1004 15’
D. Schostakowitsch – Präludium und Fuge e-Moll 8’
S.Gubaidulina – Chaconne 10’
D. Schostakowitsch – Präludium und Fuge A-Dur 5’
J.S. Bach/E. Petri – Schafe können sicher weiden BWV 208 5’
F. Mendelssohn – Präludium und Fuge f-Moll op.35 7’
F. Liszt – Variationen über das Motiv von Bach „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ S. 180 15’
Warum J.S.Bach?
Es gibt kaum einen anderen Komponisten, der einen so bedeutenden Einfluss auf nachfolgende Generationen von Komponist:innen ausgeübt hat wie Bach. Seine Einflüsse zeigen sich auf vielfältige Weise: durch Transkriptionen, Bearbeitungen, die Verwendung seiner Motive und Formen.
Ferruccio Busonis Bearbeitung der Chaconne aus Bachs d-Moll-Partita für Solovioline wirft dabei eine alte mythologische Frage auf – das Schiff des Theseus: Wenn an einem Schiff nach und nach jede Planke, jeder Mast, jedes Segel ersetzt wird, ist es dann noch dasselbe Schiff? Busoni hat Bachs Chaconne in die Welt des modernen Konzertflügels übertragen, hat Stimmen hinzugefügt, die Klangfarbe verwandelt, den Raum geweitet. Und doch bleibt die Chaconne die Chaconne – in ihrer strengen Form, in ihrem Atem, in ihrer Unausweichlichkeit. Es ist nicht mehr Bachs Werk, und es ist nichts anderes als Bachs Werk.
Sofia Gubaidulinas frühe Chaconne spielt mit bachschen Klischees – und beleuchtet sie mit den Farben ihrer Zeit. Gubaidulina, die seit 1992 in Appen bei Hamburg lebte und dort im März 2025 verstarb, war der Hansestadt nicht nur räumlich verbunden: 2007 erhielt sie den Hamburger Bach-Preis – eine Auszeichnung, die kaum passender hätte sein können für eine Komponistin, deren Werk immer wieder auf Bach verweist.
Mendelssohns Präludien und Fugen op. 35 sind heute beinahe vergessen – zu Unrecht. Auch sie stehen in Bachs Schatten, und zwar mit größtem Respekt. Schostakowitschs 24 Präludien und Fugen hingegen haben eine besondere Entstehungsgeschichte: 1950 reiste er als Juror zum ersten Internationalen Bachwettbewerb nach Leipzig – anlässlich von Bachs 200. Todesjahr. Das Spiel Tatjana Nikolajevas, die den Wettbewerb gewann, beeindruckte ihn so sehr, dass er kurz darauf seinen eigenen Zyklus schrieb – eine Hommage an Bach, die gleichzeitig unverwechselbar Schostakowitsch bleibt.
Liszts Variationen entstanden 1862 in einem der dunkelsten Momente seines Lebens: Zwei seiner drei Kinder waren innerhalb von drei Jahren gestorben, seine erhoffte Heirat mit Prinzessin Carolyne von Sayn-Wittgenstein war gescheitert, und er hatte sein Amt als Kapellmeister in Weimar niedergelegt. In dieser Not griff er auf Bachs Kantate gleichen Namens zurück – als wäre Bach nicht Quelle, sondern Halt. Das Stück endet mit dem Choral „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ – eine Geste der Ergebung, mühsam errungen.
Miłosz Sroczyński